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[<==back: Ankunft, Teil 7]

Gunther sitzt eine ganze Weile wie angewurzelt in einem staubigen Sessel und verdaut die Dinge, die er gerade gesehen und gehört hat. Wer war der Zwerg gewesen, der ihm die Nachricht hinterlassen hat? Wie hieß er denn nun tatsächlich, Hannes, Georg oder doch Greg? Ist er wirklich ein Freund seines verstorbenen Vaters gewesen? Und was Gunther am meisten zu schaffen macht, war seine Bemerkung, dass er nicht mehr am Leben wäre, wenn Gunther die Aufzeichnung sehen würde. Eine Botschaft aus dem Jenseits, sozusagen.

Er weiß nicht mehr so wirklich, wie er weiter fortfahren soll. Soll er die falsche SIN aktivieren und gucken, wer am alten Containerterminal auf ihn wartet? Soll er eine der Nummern aus dem Notizbuch anrufen und fragen, wie derjenige ihm helfen könne? Oder soll er, einfach um sich abzulenken, einen Spaziergang zu den Ruinen der Reihenhäuser machen, um sich auf die Suche nach den merkwürdigen Lichtern zu machen, von denen die dicke Frau erzählt hat?

Gunther ist ratlos. Für einen Moment denkt er darüber nach, Bovzek anzurufen, um ihn um Rat zu fragen, doch dessen Antwort kann er sich denken. Daher macht er sich erst einmal daran, den Rest der Wohnung unter die Lupe zu nehmen – schließlich ist dies wenigstens für ein paar Tage sein neues Heim, daher sollte er eine Bestandsaufnahme machen.

Gedankenverloren geht Gunther weiter in der Wohnung umher. Zunächst wendet er sich dem angrenzenden Raum zu, einem zweiten, kleineren Flur. Nach Betätigung des Lichtschalters sieht der Zwerg links von sich ein kleines Bad, dessen Tür soweit geöffnet ist, dass er die Umrisse einer alten Badewanne und eines nur noch von zwei Ösen gehaltenen Duschvorhanges erkennen kann. Zwei weitere Türen führen weiter in die Wohnung, die, so muss Gunther anerkennend feststellen, riesig ist und sicherlich eine Stange Credits gekostet hat!

Die Tür zur rechten Seite ist geschlossen, die gegenüberliegende jedoch gibt im Flurlicht den Blick auf ein großes Kingsize-Bett frei. Die Bettwäsche ist zerwühlt, und auf dem Fußboden liegen mehrere Kleidungsstücke verteilt herum. Der Raum selbst ist dunkel, denn auch hier ist die Jalousie heruntergelassen, weshalb Gunther zum Fenster des Schlafzimmers herübergeht und sie mit dem gleichen, antiquierten Mechanismus öffnet wie schon im Wohnzimmer. Tageslicht fällt durch die schmierigen, lange nicht mehr geputzten Fenster, so dass sich Gunther genauer im Raum umschauen kann.

Kopfschüttelnd beginnt er damit, die herumliegenden Kleidungsstücke aufzuheben, um sie kurz zu mustern und anschließend mehr oder weniger säuberlich auf einen Stuhl in der Ecke zu legen. Dabei fällt plötzlich aus einer unmodern wirkenden Jacke ein Bild – es weißt aufgrund des Alters Knicke und kleine Risse auf, aber man kann immer noch gut die beiden Personen darauf erkennen: Es handelt sich um zwei Zwerge. Gunther erkennt einen von ihnen als den Zwerg wieder, den er gerade erst auf dem Trideo gesehen hat. Der andere, er hat etwa das gleiche Alter, trägt einen kurz geschorenen Bart und einen legeren Sommeranzug. Beide stehen nebeneinander auf einer Art Brücke. Im Hintergrund sieht man einen See, welcher nicht allzu groß ist, denn links und rechts kann man das hügelige Ufer erkennen. Noch weiter im Hintergrund befindet sich eine Straße oder Autobahn.

Gunther dreht unwillkürlich das Foto um und entdeckt dabei ein paar von Hand geschriebene Worte: „Hans Georg und ich – 2068”!

Einen kurzen Moment denkt Gunther darüber nach, ob der zweite Zwerg auf dem Foto vielleicht sein Vater sein könnte, von dem er so gar nichts weiß – noch nicht einmal den Namen. „Vier Jahre her“, murmelt Gunther, während er das Foto wieder auf die Vorderseite dreht. Er mustert die beiden Zwerge noch einmal genau, verwirft den Gedanken aber: „Wenn er vor vier Jahren noch gelebt hätte, hätte er sich bei mir gemeldet“, erklärt er sich selbst. Er wäre nicht in einem Waisenhaus aufgewachsen, hätte er ein lebendes Elternteil gehabt, da ist er sich sicher. Er lässt das Foto mit einem Schulterzucken in seine Gesäßtasche gleiten, dann geht er zurück in den kleinen Flur.

Schwungvoll will Gunther die noch verbliebene Tür öffnen, muss jedoch zu seiner Verwunderung und ein wenig schmerzhaft feststellen, dass diese verschlossen ist, da er – im Glauben die Tür sei nur geschlossen – schwunghaft mit dem Kopf gegen sie stößt. Irritiert reibt sich der Zwerg die schmerzende Stirn. Er will sich gerade zum Gehen wenden, als ihm der Schlüsselbund wieder einfällt, an dem ja noch zwei ungenutzte Schlüssel hängen. Er friemelt den Bund aus seiner Hosentasche und probiert, ob der verbleibende mechanische Schlüssel passt. Es dauert nur wenige Sekunden und die Tür ist unverschlossen.

[==>forward: Hauptquartier, Teil 2]
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