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[<==back: Hauptquartier, Teil 1]

Der Zwerg lässt seine linke Hand über die Wand gleiten und findet den gesuchten Lichtschalter. Eine Neonröhre wird aktiviert und nach anfänglichem Summen erhellt sie den Raum. An der Wand gegenüber hängt eine etwa 2x3m große Karte des Rhein-Ruhr-Megaplex. Die rechte Wand wird von einer ebenfalls sehr großen Karte eingenommen, die einen Stadtplan von Bochum zeigt. An einigen Stellen auf der Karte stecken kleine Fähnchen.

Die linke Seite des Raumes wird von einem großen Schreibtisch und einem Regal dominiert. Der Schreibtisch ist recht ordentlich aufgeräumt, das Regal hingegen ist etwas chaotisch. Allerhand Gerätschaften und Aktenordner befinden sich auf diesem. Aktenordner aus Papier, wie Gunther feststellt – wieder so eine altmodische Gegebenheit.

Halb amüsiert, halb verwundert legt Gunther die Stirn in Falten – so eine geballte Ansammlung von Anachronismen an einem einzelnen Ort hat er schon lange nicht mehr gesehen, wenn überhaupt schon jemals in seinem Leben … Augenscheinlich hatte dieser Greg ein Faible für Gegenstände und die Epoche, aus der die ganzen Dinge, die hier in diesem Raum gesammelt wurden, zu stammen scheinen. Gunther lässt die gesamte Atmosphäre auf sich wirken, es fühlt sich an, wie eine Art Zeitreise, wenn man die ganzen Gegenstände und die gedruckten Karten an den Wänden betrachtet.

Als Gunther in der Mitte des Raumes steht, runzelt er unwillkürlich die Stirn – etwas stimmt mit den Maßen des Raumes nicht. Er vergleicht gedanklich das Innenmaß des Zimmers mit seinem Äußeren und meint, dass etwa ein bis anderthalb Meter fehlen. Hat dies einen architektonischen Hintergrund, oder sollte es etwa einen geheimen Teil des Raumes geben?

Etwas verunsichert, was er sich hier zuerst angucken soll, geht er zum Schreibtisch hinüber und setzt sich auf den Stuhl. Schön, dass der Vorbesitzer ebenfalls ein Zwerg war, sind doch Stuhl und Tischplatte gleich auf die richtige Größe eingestellt. Er lässt seinen Blick über den Schreibtisch gleiten, welcher aus einer schweren Holzplatte auf zwei ebenfalls aus Holz gefertigten Böcken besteht. Ein Rollcontainer mit drei Schubladen an der rechten Seite beinhaltet typisches, ebenfalls altes Büroutensil, außerdem noch ein kleines Notizbuch sowie ein Datenpad, welches allerdings einen großen Sprung im Display aufweist!

Auf dem Schreibtisch selbst steht ein Aschenbecher, in dem ein zum größten Teil verbranntes und zuvor augenscheinlich zusammengeknülltes Stück Papier liegt. Ein Headset liegt auf der linken Seite des Tisches, daneben eine geöffnete, hellgraue Box mit feinen Schraubendrehern und Zangen.

Gunthers Affinität zu modernem Computerequipment lässt ihn instinktiv zu dem Datenpad greifen. Vorsichtig fährt er mit dem Finger über den Sprung – augenscheinlich ist dieser aber nur oberflächlich, das eigentliche Display könnte, wenn er viel Glück hat, noch halbwegs funktionieren. Neugierig sucht er den Einschalter an der Seite des Pads und drückt ihn gespannt …

Tatsächlich erhellt sich das Display des Datenpads und Gunther ist prompt in einem geöffneten Fenster, rechts oben ist der Reiter „Notizen“ zu lesen. Auf dem Display selbst sind folgende Punkte notiert:

  • „Helen anrufen – 55578129“
  • „Jojo das Paket zukommen lassen“
  • „Wimpy 20.15 Uhr, Werner Hellweg“

In der linken oberen Ecke ist noch ein Datum unter dem Riss zu erkennen: 03.04.2072! Kurz darauf erscheint die Meldung: „Akku schwach“, und das Gerät schaltet sich automatisch wieder ab. Schnell aktiviert Gunther sein Kommlink und tippt die Daten ein, solange sie noch halbwegs im Gedächtnis sind. Die Nummer dieser Helen konnte er sich leider nicht so schnell merken, aber immerhin den Namen und die anderen beiden Informationen. Nun gut, es wird sich zeigen, ob er das Datenpad wieder zum Laufen bringen oder die Nummer irgendwo anders finden kann.

Er hält kurz inne, um sich an das Datum der Notiz zu erinnern – irgendwann Anfang April diesen Jahres, also noch gar nicht so lange her, fünf bis sechs Wochen vielleicht. Seine Gedanken schweifen zu diesem Greg, der zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch auf genau auf diesem Stuhl gesessen und die Notizen in sein Datenpad getippt hatte. Er muss irgendwie ein komischer Kauz gewesen sein, und die Tatsache, dass er nun tot ist, beängstigt Gunther ein wenig. Er schüttelt leicht den Kopf, als ob das den bösen Gedanken vertreiben könnte.

Instinktiv durchsucht er noch einmal den Schreibtisch nach einem Ladegerät für den blöden Akku, allerdings ohne Erfolg. Stattdessen greift er nach dem Notizbuch, lehnt sich im Stuhl zurück, legt leger die Beine auf den Schreibtisch und beginnt zu blättern.

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