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Im Sommerurlaub hatte ich auch mal wieder Gelegenheit, ein wenig zu lesen, um weiter an Greifenklaues Reading Challenge zu arbeiten. Ich hatte mir jedoch etwas zu wenig zu Lesen eingepackt, so dass ich im Feriendomizil mal die Regale inspizierte, um etwas Ansprechendes zu finden. Es gab viel Fantasy  und Science-Fiction-Kram, der eigentlich genau mein „Beuteschema“ getroffen hätte, aber von der Seitenzahl nicht mehr machbar war. Daher fiel meine Wahl auf das folgende Buch, das zum einen dünn genug war, um es noch vor der Rückfahrt nach Hause komplett lesen zu können, zum anderen hat mich der Klappentext angesprochen:

Buchtitel: Die Pendler

Autor: Andreas Gers

Erschienen: 2014

Kategorie: Ein Buch, dass von einem Freund oder Bekannten geschrieben wurde (Naja, stimmt nicht ganz, es war der Arbeitskollege meiner Schwägerin, den ich eigentlich gar nicht persönlich kenne, aber alle anderen Kategorien passen halt noch weniger …)

Inhalt: Der junge Hobby-Autor Wolf Göde (Namensähnlichkeit zu einem großen deutschen Dichter sind gewollt, wird er doch im Verlaufe der Handlung mit dem Spitznamen „Goethe“ versehen) pendelt täglich vom Münsterland ins Ruhrgebiet zur Arbeit und nutzt die Zeit, um seine literarischen Ergüsse auf Papier zu bannen. Er lernt dabei vier Mitreisende kennen, die ebenfalls täglich die gleiche Strecke pendeln und sich dabei am Tresen des Bistrowagens über Gott und die Welt unterhalten. Eines Tages geht es dabei auch um das Thema Selbstbestimmung – oder besser gesagt darum, dass man eigentlich fremdgesteuert ist und täglich den gleichen eintönigen Trott erlebt. Die Pendler überreden Wolf dazu, Geschichten über sie zu schreiben, in denen sie etwas Verrücktes tun, was sie so in ihrem täglichen Leben nicht erleben würden. So dichtet er zum Beispiel dem Biologielehrer Stefan eine Affäre mit seiner eigenen Frau an, während die Schuhverkäuferin Thessi zum Racheengel der Unterdrückten und ungerecht Behandelten wird.

Mit der Zeit werden die Geschichten, die Wolf sich ausdenkt, jedoch immer verrückter und wirrer, und es verschwimmen bald Realität und Fiktion – die Pendler sind der Fantasie des Autors hilflos ausgesetzt und würden das Experiment gerne beenden.

Bewertung: Der Roman ist – im positiven Sinne – sehr verworren. Während man im ersten Drittel noch darauf wartet, dass Wolf endlich mit seinen Geschichten über die Pendler loslegt, merkt man nach der Hälfte, dass er eigentlich schon mitten drin ist. Man merkt den Kapiteln nicht an, welche von ihnen nun die „dargestellte Realität“ des Buches sind und welche tatsächlich die Geschichten, die Wolf über die Pendler geschrieben hat, was aber der Clou des Buches ist. Im letzten Teil des Buches kommt dann noch eine zusätzliche Ebene hinzu: um das schon im Klappentext erwähnte Verwischen zwischen Realität und Fiktion auf die Spitze zu treiben, bemerken die Figuren aus Wolfs Geschichten irgendwann, dass sie genau das sind: Figuren in einer Geschichte, die jetzt nicht mehr durch ihr tägliches Leben fremdgesteuert sind, sondern durch den Autor – und aus dieser Geschichte ausbrechen müssen.

Der Roman liest sich mit seinen 166 Seiten super weg, aber am Ende muss man sich erst einmal darüber klar werden, was genau passiert ist. Gibt es die Pendler wirklich und Wolf hat ihnen die Geschichten angedichtet? Oder hat Wolf alles inklusive der Pendler erfunden? Man könnte zwischendurch auch meinen, einer der Pendler hätte die ganze Geschichte einschließlich Wolf erfunden … Ich bin auf jeden Fall positiv überrascht und hatte schon lange keinen Roman mehr gelesen, über den ich im Nachhinein so lange nachdenken musste.

Rollenspielbezug: Rollenspielerisch ist das Thema jedoch schwer zu greifen oder auszuschlachten. Spielercharaktere, die irgendwann merken, dass sie gar keine echten Personen sind, sondern von ihren Spielern fremdgesteuert sind, sind glaube ich selbst in einem One-Shot schwer bis gar nicht umsetzbar.

Was ich mir eher vorstellen könnte, und was sicherlich bereits ausgiebig in verschiedener Form ausgeschlachtet wurde, wäre eine Person, bei der alles wahr wird, was sie aufschreibt (oder alternativ ein Buch, das alles wahr werden lässt, was in es hineingeschrieben wird). Da es sich hierbei jedoch um eine sehr mächtige Person (oder ein sehr mächtiges Artefakt) handeln würde, wäre dies wahrscheinlich auch eher Material für ein One-Shot (oder ein einzelnes, in sich abgeschlossenes Abenteuer) anstatt für eine ganze Kampagne.

Ein wenig in diese Richtung geht das Pathfinder-Abenteuer „Spiel der Türme“, das wir zurzeit mit unserer Spelljammer-Kampagne spielen. Hier hat eine Bardin vor Urzeiten eine Halbebene erschaffen, in welcher die von ihr gesammelten Geschichten auch nach ihrem Tod weiter existieren können. Die Figuren aus ihren Geschichten leben hier ihr eigenes Leben und sind sich teilweise auch bewusst darüber, dass sie nur Figuren einer Geschichte sind. Andere haben eigene Motivationen und möchten sogar in die reale Welt „entfliehen“. Eine spannende Konstellation, zumal man in der Halbebene einigen Gegnern nur mit Schwert und Magie zu Leibe rücken kann (und muss) und dies bei uns letztens zum Beispiel die Frage aufgeworfen hat, ob es überhaupt „schlimm“ ist, seine Gegner zu töten, da sie ja eigentlich, da Teil einer Geschichte, so etwas wie „Unsterblichkeit“ besitzen müssten … Aber das führt uns jetzt zu weit weg vom Roman …