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Ich hatte mir schon letztes Jahr vorgenommen, mal ab und zu einen „Klassiker“ der Abenteuerliteratur bzw. der Phantastik zu lesen, und nach „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und „Reise um die Erde in 80 Tagen“ im letzten Jahr, hatte ich mir jetzt für Greifenklaues Reading Challenge Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ausgesucht.

Buchtitel: Reise zum Mittelpunkt der Erde

Autor: Jules Verne

Erschienen: 1864 (französich), 1873 (deutsch)

Kategorie: Ein Buch, dessen Original über hundert Jahre alt ist, also vor 1920 herausgegeben wurde.

Inhalt: Hauptfigur ist Otto Lidenbrock, ein deutscher Professor für Mineralogie und Geologie, der in einem alten Werk eines isländischen Historikers ein merkwürdiges Pergament findet, auf dem eine verschlüsselte Botschaft geschrieben steht. Zusammen mit seinem Neffen Axel, dem Ich-Erzähler der Geschichte, kann er die Nachricht entschlüsseln und erfährt, dass man über den isländischen Vulkan Snæfellsjökull in das Innere der Erde gelangen kann – den Eingang könne man finden, wenn man an einem bestimmten Tag im Juli im Krater des Vulkans steht und guckt, wo der Schatten eines der beiden Gipfel hinfalle. Also stattet man sich für eine Expedition aus, macht sich auf den Weg nach Reykjavik, heuert dort einen isländischen Führer an und reist zum Vulkan. Tatsächlich findet man den in der geheimen Botschaft beschriebenen Zugang und macht sich auf den Weg unter die Erde, wo es allerlei zu entdecken gibt – unter anderem riesige Pflanzen, eigentlich ausgestorbene Tiere, riesige Meere und Seemonster.

Bewertung: Ich finde leider, dass der Roman nicht gut gealtert ist, was nicht nur daran liegt, dass ich mir für meinen E-Book-Reader unwissentlich eine stark an die Original-Übersetzung von 1873 angelehnte Version zugelegt habe, in welcher Rechtschreibung, Grammatik und Satzbau nicht mehr ganz unserem heutigen Sprachgefühl entspricht und es sich daher etwas holprig liest. Außerdem locken auch die Abenteuer, welche die drei Protagonisten auf ihrem Weg erleben, heute wahrlich niemanden mehr „hinter dem Sofa hervor“: sie verlaufen sich, es mangelt ihnen an Wasser, sie werden getrennt, sie geraten in einen Sturm und verirren sich … Das mag mitunter daran liegen, dass Mitte des 19. Jahrhunderts selbst die Reise von Deutschland nach Island ein aufregendes Abenteuer war, das wahrscheinlich nur wenige Menschen unternommen haben, was man sich unter den heutigen Reisebedingungen gar nicht mehr vorstellen kann.

Zudem gerät der Ich-Erzähler mehr als einmal in lebensbedrohliche Schwierigkeiten, wird daraus aber eher durch Zufall und ohne sein eigenes Zutun wieder gerettet (und meist ist er dabei sogar bewusstlos, kann also, da Ich-Erzähler, gar nicht richtig von der Rettung berichten). Dafür erholt er sich anschließend aber immer wieder innerhalb von wenigen Stunden von diesen Beinahe-Toden.

Darüber hinaus wirkt das Buch zwischendurch eher wie ein geologisches Fachbuch, was zwar sehr gut recherchiert sein mag, aber recht zäh zu lesen ist.

An vielen Stellen verwirren mich die Entfernungsangaben, die sehr oft unübersetzt in alten französischen Maßeinheiten wie dem Lieue angegeben sind, manchmal aber auch übersetzt in Klaftern und Kilometern gemessen werden – wobei ich mich allerdings oft gefragt habe, ob hier die Umrechnung korrekt vorgenommen wurde. So schaffen es die Abenteurer zum Beispiel, binnen weniger Tage 120 km in die Erde hinabzusteigen oder werden mit wahnwitzigen 300 Stundenkilometern auf einem Floß durch den Sturm gefegt (und können sich dabei wohlgemerkt nur am Mastrumpf festhalten). Ähnliches passiert bei den Mengenangaben, so stellt sich gegen Ende des Buches zum Beispiel heraus, dass die drei eben mal 50 Pfund (also etwa 25 kg(!)) Schießbaumwolle mit sich herumschleppen (die während der rasanten Floßfahrt durch den Sturm auch überhaupt nicht nass geworden ist!), oder genug Nahrung für fünf Monate tragen, wobei ihre „Henkersmahlzeit“ aus Zwieback und getrocknetem Fleisch „von einem Pfund pro Person“ besteht. Keine Ahnung, ob dies alles bereits im Original so war oder ob es durch die alte Übersetzung irgendwie verfälscht wurde, aber solche Angaben – wie auch einige Begebenheiten im letzten Drittel des Buches – stellen doch meine Suspension of Disbelief stark auf die Probe.

Alles in allem war ich eher enttäuscht. Ein Klassiker, der zu seiner Zeit wahrscheinlich sehr abenteuerlich war und innovative Ideen hatte, aber seine beste Zeit hinter sich hat.

Rollenspielbezug: Alles an diesem Roman schreit förmlich nach Hollow Earth Expedition und ich denke, dass er mit Sicherheit eine der Inspirationsquellen bei der Erstellung des Systems war. Allerdings müsste man für so ein pulpiges Setting sowohl die Reise nach Reykjavik als auch die Reise unter der Erde mit mehr Action würzen – spontan würde mir ein Wettrennen zum Snæfellsjökull einfallen, das man sich mit einer rivalisierenden Fraktion liefert, oder der ein oder andere Kampf gegen die prähistorischen Kreaturen im Untergrund. Und natürlich würden die Protagonisten am Ende des Abenteuers nicht wieder an die Oberfläche geschleudert werden, sondern stattdessen in der Hohlwelt landen!