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Rückblende

Das unstete Flackern des Kommlinks war die einzige Lichtquelle, die den Raum ein wenig erhellte. Gunther war seit gut einer halben Stunde in der Matrix unterwegs. Er hatte seinen Schmöker und seinen Schild in den begrenzten Arbeitsspeicher geladen, mit dem Ziel, sich in die Systeme der Anwaltskanzlei Pájaros & Meyer zu hacken.

Gunther hatte bisher gute Fortschritte gemacht. Er war über einen ungeschützten Augmented-Reality-Server des Bürogebäudes in das Netzwerk der Kanzlei gelangt, hatte dort einen Sicherheitsbot umgangen und sich Zugang zum Autorisierungsservice verschafft. Der war zwar verschlüsselt, allerdings konnte Gunther den Code mit einem selbstgebastelten Hacking-Algorithmus relativ schnell knacken.

Allerdings musste er feststellen, dass es umso schwieriger wurde, je näher er der Datenbank mit den Aktennotizen kam. Wahrscheinlich hatten nur wenige Personen Zugriff auf diese Daten, so dass er einen Admin-Account bräuchte, um weiter fortzufahren.

Er griff in die Tüte mit den Sojachips mit Kartoffelgeschmack, die neben ihm auf dem Tisch lag, steckte sich einen in den Mund und spülte ihn mit einem Schluck Cola herunter. Plötzlich meldete sich seine Schild-Software mit einem eindringlichen Piepsen:

::Sicherheitsprotokoll wurde aktiviert
::Malware entdeckt

„Mist“, entfuhr es Gunther: eine weitere Sicherheitssoftware hatte augenscheinlich sein Eindringen in das Netzwerk entdeckt.

>>Parameter-Erkennung starten
::Erkennung abgeschlossen
::Protokoll: “GhostbotSpec.7.2”

Gunther stutzte. Die Ghostbot-Sicherheitssoftware mit der Versionsnummer 7.2 war vollkommen veraltet, ein Wunder, dass sie überhaupt noch jemand einsetzte – die hatte Gunther schon als 15jähriger Frischling hacken können.

>>aktiviere Wyrmfalle
::Entwyrmung gestartet
::Malware wurde in Falle isoliert

Die Sicherheitssoftware war in einem abgetrennten Speicherbereich seines Kommlinks abgeschottet worden. Das war zu einfach gewesen, viel zu einfach. Gunther lehnte sich in seinem Küchenstuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Irgendetwas stimmte da nicht, warum benutzt jemand eine 10 Jahre alte Software, um sein Netzwerk zu schützen? Immerhin war Ghostbot mittlerweile bei Versionsnummer 17 oder 18 angelangt und dementsprechend leistungsfähiger …

Gunther kam eine Idee. Er lehnte sich wieder vor und checkte seinen Schmöker.

>>Überprüfe Wyrmfalle
::Eingekerkerte Software gefunden
::Sicherheitssoftware Ghostbot
::verstecktes Icon gefunden
>>Zeige versteckte Icons
::Typ: Zugangsknoten

„Heureka“, entfuhr es Gunther – jemand hatte eine Backdoor in der Sicherheitssoftware hinterlassen. Das würde erklären, warum sie immer noch aktiv war. Mit Hilfe der Hintertür war es ein Einfaches, die Zugangskontrolle zu umgehen und bis an die Datenbank vorzudringen. Gunther schaltete die Schreibtischlampe an, die auf dem Tisch stand, nahm den Umschlag der Kanzlei in die Hand und suchte in der Datenbank nach dem Aktenzeichen. Das Ergebnis war genauso ernüchternd wie beunruhigend:

#Daten wurden gelöscht
>>Zeige Zeitstempel der Löschung
#2072-02-14-15-32-17

„Gestern“, kommentierte Gunther gedankenverloren, „etwa eine Stunde nachdem Abramtzek hier war“. Diese Erkenntnis weckte seinen Ehrgeiz. Zuerst versuchte er, die gelöschten Daten über die Datenbank wiederherzustellen, jedoch ohne Erfolg – augenscheinlich hatte jemand sie physisch vom Datenträger gelöscht. Er aktivierte seinen Schmöker und begann, nach den verlorenen Daten zu suchen. Es dauerte eine gute halbe Stunde, dann meldete sich das Programm mit einer Erfolgsmeldung:

::Datenfragment gefunden in Cluster #63A22FD7209C
::Rekonstruktion läuft
::Entschlüsselung der Informationen läuft
::Typ: Audiotranscript

Gunther hatte Glück, augenscheinlich war ein Teil der Daten nicht korrekt gelöscht worden: sein Programm war auf die Reste eines Audioprotokolls gestoßen. Seine Hände begannen vor Aufregung zu zittern. Als er die Wiedergabe startete konnte er zwei männliche Personen hören, die sich unterhielten:

Person 1: „Bist du dir bewusst, was das für uns bedeutet?“

Person 2: „Ich scherze nie, wenn es um die Wünsche meines Meisters geht!“

Person 1: „Und du bist einverstanden mit der ganzen Sache?“

Person 2: „Ich brauche von dir keine Belehrungen. Saeder-Krupp ist gut für Essen, für den gesamten Plex und seine Bewohner. Alles ist unter Kontrolle.“

Person 1: „Das höre ich ständig.“

Person 2: „Sieh das Ganze als Vorabinfo, um deine Leute darauf vorzubereiten.“

//Ende Transcript

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