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Der Autopilot des schwarz lackierten Pickups amerikanischer Bauart drosselt die Geschwindigkeit, um sich dem Verkehr anzupassen, der umso dichter wird, je näher man dem Sprawl kommt. Gunther hat die A46 in Richtung Iserlohn/Hagen genommen. Die auf zwei Ebenen ausgebaute Autobahn ist an diesem Morgen zuerst relativ leer gewesen – lediglich ein paar LKW, die schwerbeladen in Richtung Plex unterwegs sind, sowie der ein oder andere Pendler teilen sich mit Gunther die Autobahn. ALI ist aktiviert und der Zwerg kann sich entspannt zurücklehnen und die Fahrt genießen.

Schnell ändert sich die Landschaft. Die Provinz mit ihrer Natur weicht ohne weichen Übergang dem typischen Erscheinungsbild des Plexes: Stahlverarbeitende Industrieanlagen bestimmen das Bild, die Bebauung wird immer dichter und höher, und das Grün der Natur verschwindet teilweise komplett. Die knapp einstündige Fahrt nach Bochum macht Gunther sofort klar, dass er in einer Art Dschungel gelandet ist – und nur der Stärkere überlebt!

Nervös trommelt er mit den Fingern auf das Lenkrad, als könne er es nicht erwarten, endlich anzukommen. Seit Abramtzek vor ein paar Tagen bei ihm gewesen ist, konnte er nicht mehr richtig schlafen, hin- und hergerissen zwischen seinem bisherigen, ruhigen, sicheren, aber auch langweiligen Leben und der Aussicht auf etwas Spannendes, Unerwartetes, Neues – und möglicherweise Gefährliches.

Letztendlich hat er aber seine Taschen gepackt, ist in seinen Wagen gestiegen und hat das Navigationssystem mit der Bochumer Adresse gefüttert. Jetzt hat er den Megaplex erreicht und Gunther rutscht das Herz in die Hose. War es wirklich die richtige Entscheidung, die er getroffen hatte?

Er sucht in seinem Kommlink die Kontaktdaten seines alten Freundes Bovzek Kolarik und baut die Verbindung auf. Der Ork mit tschechischen Wurzeln hat Gunther seinerzeit unter seine Fittiche genommen, als dieser als Teenager auf die schiefe Bahn geraten war. In Bovzeks Autowerkstatt hat Gunther alles gelernt, was er über Autos und deren Reparatur weiß …

„Hoi Chummer“, wird er aus seinen nostalgischen Gedanken gerissen, als der Ork sich am anderen Ende der Leitung meldet.

„Hi Bovzek“, antwortet Gunther, aber bevor er mehr sagen kann, wird er rüde von Bovzek unterbrochen: „Du weißt, dass das vollkommen bekloppt ist, was du da tust?”, fragt er leicht verärgert, aber man kann freundschaftliche Besorgnis hören, die unterschwellig mitschwingt. „Es ist gefährlich. Du weißt nicht, wer dieser Hannes ist. Du sagtest mir immer, du hast keine Verwandten, und jetzt taucht plötzlicher dieser Onkel auf und schickt dir diese ganzen Dinge? Das ist nicht koscher, sage ich dir!“

„Ja, es ist vielleicht gefährlich, aber irgendwie macht mich die Geschichte auch neugierig“, antwortet Gunther selbstsicher. „Was ist, wenn wirklich die große Gelegenheit auf mich wartet, mit dem ich allem hier entfliehen kann? Die ‘Once-in-a-lifetime-opportunity’, wie man so schön sagt.“

Bovzek schweigt kurz. Als er wieder spricht, klingt seine Stimme ein wenig pikiert: „Wem musst du denn entfliehen? War dein bisheriges Leben so grauenvoll, dass du ihm den Rücken kehren musst?“

„Nichts gegen dich, Kumpel“, beschwichtigt Gunther schnell. „Ich verdanke dir viel, du hast mich damals aus der dampfenden Kacke geholt und mich wieder auf die Beine gestellt. Ich habe vieles von dir gelernt, nicht nur Autos zusammenzuflicken. Aber Mein Leben ist irgendwie …“ Er lässt den Rest des Satzes offen im Raum stehen.

„Hmmm“, brummt Bovzek wenig überzeugt. „Hast du dir wenigstens meinen Ratschlag zu Herzen genommen?“, wechselt er das Thema.

Gunther war einerseits erleichtert über den Themenwechsel, gleichzeitig wusste er aber, welche Antwort Bovzek ihm als nächstes geben würde. Sachlich berichtet er: „Ich habe tatsächlich mal ein paar von den durchgestrichenen Namen aus dem Notizbuch durch eine Matrixsuche laufen lassen. Es war ein wenig kompliziert, denn es waren wohl alles Decknamen, Leute aus den Schatten. Das Ergebnis war überall gleich: die Person ist verstorben.“

Ein fast triumphierendes Schnauben dringt vom anderen Ende der Leitung an Gunthers Ohr. „Sagte ich doch“, brilliert Bovzek, „das Teil ist eine Todesliste! Gunther, du bist da in eine Sache hineingeraten, die eine Nummer zu groß für dich ist! Dein angeblicher Onkel ist ein Auftragskiller, und du sollst seine angefangenen Wetjobs beenden, ganz klar …“

Gunther schweigt einen Moment. Natürlich hat Bovzek den Finger zielgenau in die Wunde gelegt, denn dieser Gedanke war Gunther auch schon gekommen, als er den Zusammenhang zwischen den Namen entdeckt hatte. Er zwang sich zur Zuversicht: „Ich werde mir erst einmal die Wohnung angucken, vielleicht finde ich ja dort ein paar Hinweise. Wenn sich der Verdacht bestätigt, kann ich ja immer noch wieder abhauen.“

„Ja, wenn du es noch kannst“, betonte Bovzek verheißungsvoll.

Für kurze Zeit schwiegen sich die beiden Freunde an. Dann war es wieder an Bovzek, das Schweigen zu brechen: „Und der Anwalt?“

„Ich habe mich in sein Netzwerk gehackt und nach der Aktennummer gesucht, die auf dem Umschlag stand“, gibt Gunther zu, „aber die Ausbeute war mager.“

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