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Langscheid im Jahre 2072

Die Person, die die schmale Gasse hinauf zum recht heruntergekommenen Fachwerkhaus kommt, wirkt etwas deplatziert. In ihrem schwarzen, glänzenden Maßanzug mit der streng gebundenen Krawatte und den ebenfalls glänzenden Schuhen trifft man auf solche Gestalten eher in den Chefetagen eines Konzerns, als hier auf dem Land. Mit festem Schritt kommt sie näher und beäugt dabei das in die Jahre gekommene Gebäude.

Die anderen Gebäude in dieser Seitenstraße unweit der ehemaligen Fußgängerzone sind auch in keinem besseren Zustand. Die Natur hat trotz der Luftverschmutzung und des sauren Regens angefangen, die urbane Umgebung wieder zurückzuerobern. Gelbliches Gras vor den Häusern und kleine Bäume in Überresten von Dachrinnen sind der Beweis dafür. Das Dach des Hauses Nr. 5, in dem Gunther wohnt, weist an einigen Stellen größere Löcher auf. Rauch qualmt aus einem von Ruß geschwärzten Schornstein in den von Wolken verhangenen Himmel. Alte, teilweise prall gefüllte Müllsäcke und Sperrmüll machen das Vorankommen zu einer Art Hindernislauf. Seit Wochen wartet die Stadt darauf, dass der Müll entsorgt wird, doch bisher hat sich niemand blicken lassen.

Langscheid war einst ein Aushängeschild für den Tourismus hier im Sauerland. Vor knapp 40 Jahren wurde viel Geld in die Infrastruktur gesteckt, doch nach dem großen Crash geriet der Ort immer mehr ins Vergessen. Die einst schicken Fachwerkhäuser, die den Charme des Städtchens ausmachten, verkamen immer mehr, denn viele Bewohner zogen in die Sprawls oder den nahen Rhein-Ruhr-Megaplex. Heute leben in Langscheid nur noch etwa 400 Einwohner, größter Arbeitgeber ist der Wasserverband Hochsauerlandkreis, der mittlerweile eine Tochterfirma von Saeder-Krupp ist. Die Anlage unmittelbar an der Staumauer des Sees ist gut bewacht und ruft ständig schlimme Erinnerungen in Gunther hervor …

Der Mann im Anzug bahnt sich seinen Weg zum Haus. Erst jetzt fällt Gunther die Aktentasche aus Leder ins Auge. Gunther hatte den seltsamen Besucher schon eine geraume Weile beobachtet. Ihm ist der dunkle Wagen, augenscheinlich ein Phaeton der neuesten Baureihe, bereits aufgefallen, als dieser unten an der Hauptstraße geparkt hatte. Er vermutet eine zweite Person im Wagen, doch genaueres kann er aus dieser Entfernung nur erahnen.

Auf dem Fensterbrett vor Gunther liegt seine Streetline Special. Er war einigermaßen vorbereitet auf den Besuch, doch man weiß schließlich nicht, mit wem man es zu tun bekommt! Der Zwerg wechselt seinen Beobachtungsposten und geht in die Küche, die Pistole nimmt er fast gedankenverloren mit. „Was will dieser Kerl hier?“, fragt er sich selbst im Flüsterton. „Das bedeutet bestimmt nichts Gutes. Das ist nicht dieser Winkeladvokat Dr. Joaquim Pájaros!“ Verschiedene Gedanken und Szenarien schießen ihm in den Kopf, als der seltsame Besucher auf Rufweite an das Haus herangekommen ist: „Hallo?! Ist da jemand? Ich suche einen gewissen Gunther Tannberg!“

Überrascht darüber, dass der Unbekannte seinen Namen kennt, zieht Gunther die Augenbrauen hoch. Die Hand am Pistolengriff verkrampft sich noch ein wenig mehr, als Gunther die schmierige Gardine des Küchenfensters einen Spalt zur Seite schiebt – gerade so weit, dass er mit einem Auge einen Blick nach draußen werfen und seinem Gegenüber signalisieren kann, dass er beobachtet wird. Für einen kurzen Augenblick herrscht Stille, als sich die Blicke der beiden kreuzen. Gunther muss kurz damit kämpfen, den Kloß in seinem Hals loszuwerden. „Und wer will das wissen?“, raunzt er dem Besucher ungewöhnlich unfreundlich entgegen.

„Mein Name ist Joshua Abramtzek und ich arbeite für die Anwalts- und Notariatskanzlei Pájaros & Meyer. Ich habe hier etwas für sie!“ Er hebt ein wenig den Arm mit der Aktentasche und deutet gleichzeitig mit dem Kopf darauf, dann blickt er sich um und schaut in die Gasse. „Vielleicht sollten wir dies aber unter vier Augen besprechen!“, ruft er etwas vorsichtig in Gunthers Richtung, während er ein paar Schritte auf den Hauseingang zugeht.

Gunther ist immer noch argwöhnisch und angespannt. Gerade als er sich daran macht, die Gardine loszulassen, bemerkt er, dass aus der Nobelkarre, mit der dieser steife Anzugträger angekommen ist, eine weitere Person aussteigt. Sein geübter Blick kann auch auf diese Entfernung erkennen, dass der Mann einen Schulterholster trägt.

Grübelnd geht er die wenigen Schritte vom Fenster zur Haustür, welche direkt in die Küche führt. Seit heute Morgen das Kommlink klingelte und Dr. Pájaros seinen Besuch ankündigte, sinniert er darüber nach, was der aus unzähligen, billig produzierten Trideo-Werbespots bekannte Anwalt von ihm will – und nun stand er nicht selbst vor der Tür, sondern dieser Schlips mit seinem Wachhund. Trotzdem hat ihn die Aktentasche neugierig gemacht …

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