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oder: Aufwärmen für Rollenspieler – Teil 2

In Teil 1 dieses Posts hatte ich ja darüber berichtet, wie ich mit Fragen an meine Spieler(charaktere) eine kleine „Aufwärmübung“ erschaffen hatte, welche zwar der allgemeinen Atmosphäre am Spieltisch dienlich war, allerdings für mich als Spielleiter mehr Aufwand als Nutzen generierte.

Zu einem zweiten Versuch, eine solche Aufwärmübung zu etablieren, wurde ich durch die Stadterschaffungsregeln des „The Dresden Files RPG“ inspiriert – oder genauer gesagt durch die entsprechenden Sonderfolgen des „Ausgespielt“-Podcasts, wie zum Beispiel diese hier: http://ausgespielt-podcast.de/2010/11/durchgespielt-dresden-files-rpg-2-teil/.

Wer es nicht kennt, nur ganz kurz und grob zusammengefasst: es geht in den Regeln darum, dass sich die Spieler und der Spielleiter zu Beginn einer Kampagne zusammensetzen und mit Hilfe eines Brainstormings ein Urban Fantasy Setting erschaffen. Dabei soll die Stadt, in welcher die Kampagne angesiedelt sein wird, beschreiben werden – so bekommt die Stadt übergeordnete Themen und Bedrohungen (themes and threats), eine Menge an Örtlichkeiten (locations) und Personen (faces), welche diese repräsentieren. Auf diese Weise erhält der Spielleiter einen „Baukasten“, aus welchem er die Kampagne zusammensetzen kann.

Kurzer Gedankensprung – ich weiß nicht, ob es nur mir so geht oder ob auch andere Spielleiter dieses Problem haben, aber ich kann meinen Spielern keine „Hausaufgaben“ mit auf den Weg geben. Dabei ist es egal, ob ich ihnen spezielle Fragen zu ihren Charakteren stelle (aus denen ich dann ableiten könnte, wohin meine Spieler ihre Charaktere überhaupt entwickeln wollen und somit Anhaltspunkte für zukünftige Abenteuer oder Begegnungen erhalte), oder ob ich ihnen Fragen zu Regeln oder der Spielwelt stelle – es kommt mit Ausnahme eines Spielers sehr selten Feedback zurück. Das ist aus zweierlei Sichtweise sehr schade: Zum einen weiß ich nie so genau, was genau meine Spieler überhaupt spielen möchten und von der Kampagne erwarten, zum anderen bleibt sämtliche kreative Arbeit komplett auf meinen eigenen Schultern liegen.

So kam dann der Geistesblitz, meine Aufwärmübung einfach mit der Stadterschaffung aus Dresden Files zu kombinieren und neben dem eigentlichen Zweck meiner kleinen Übung auch noch die Kreativität meiner Spieler anzuzapfen: Ich sagte meinen Spielern zu Beginn der Spielsitzung, dass ihre Charaktere demnächst in eine etwas größere Stadt kommen werden, in der sie ein paar Abenteuer erleben werden. Dann legte ich eine Karte der Stadt auf den Tisch, zusammen mit ein paar Fotos mittelalterlicher Gebäude und Gassen, die ich aus dem Internet gezogen hatte. Ich gab ihnen noch ein paar wenige Rahmeninformationen, zum Beispiel die Einwohnerzahl, den kulturellen Hintergrund der Bewohner und die Tatsache, dass sich vier Familien um die Macht in der Stadt streiten. Dann lehnte ich mich zurück und sagte: „So, und jetzt erzählt ihr mir mal etwas über diese Stadt!“

Als kleine Assoziationshilfe warf ich dann noch eine Handvoll kleiner Zettel in die Runde, auf denen die folgenden Begriffe zu finden waren:

  • Geheimnisse
  • Gerüchte
  • Geschichten
  • Legenden
  • Historie
  • jüngste Ereignisse
  • Bedrohungen
  • Monster
  • Fraktionen
  • Intrigen
  • Politik
  • Personen
  • (magische) Gegenstände
  • Geschäfte
  • Gebäude
  • Tempel
  • Orte
  • Beziehungen

Zuerst kamen nur zögerliche Antworten und Allgemeinplätze zurück, wie: „Es gibt in der Stadt einen Marktplatz“, oder „Die Stadt besitzt eine Bibliothek“. Schon nach kurzer Zeit sprudelten die Ideen dann wie von selbst aus den Spielern heraus, so dass ich Mühe hatte, diese mitzuschreiben. Die Antworten wurden detaillierter, die Spieler trauten sich auch mit abstrusen Ideen ans Tageslicht und sehr oft griff einer der Spieler die Idee eines anderen auf und fügte ihr einen weiteren Aspekt oder ein Detail hinzu. Nach mittlerweile drei Spielsitzungen, in denen ich dieses „Warm-Up“ auf diese Weise durchgeführt habe, ist schon ein komplexes Netzwerk aus Ideen entstanden, in dem man sehr gut das ein oder andere Abenteuer ansiedeln kann. Ähnlich wie bei Dresden Files werde ich als Spielleiter nicht alle Ideen der Spieler übernehmen, einige vielleicht ein wenig abändern und natürlich auch noch eigene Ideen ergänzen – schließlich möchte ich die Spieler noch überraschen.

Ich breche meist nach etwa 10 bis 15 Minuten ab, oder wenn ich merke, dass den Spielern keine Ideen mehr kommen. Hat bisher super funktioniert und ich werde es auch in den nächsten Spielsitzungen beibehalten – wenn die Charaktere dann in der Stadt angekommen sind, können sie gerne den nächsten Schauplatz der Kampagne oder den Landstrich um die Stadt herum mit ihren Ideen zum Leben erwecken. Immerhin weiß ich so, was meine Spieler eigentlich von der Spielwelt erwarten und der Ideenpool von vier oder fünf Köpfen ist auch wesentlich größer als von einem einzelnen Kopf mit ein paar Büchern …

Bis dahin,
Doctore Domani

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